Ist Ghosting eine Form von Narzissmus?
Es gibt Fragen, die Menschen stellen, wenn sie eigentlich eine ganz andere Antwort suchen. „Ist er ein Narzisst?“ ist eine davon. Und „War das Ghosting?“ ist die zweite. Manchmal kommen beide im selben Atemzug.
Schauen wir uns das mal nüchtern an.
Ghosting bedeutet: jemand verschwindet.
Kein Wort, kein Abschluss, kein Grund. Von einem Tag auf den anderen ist da nur noch Stille. Das Handy zeigt keine Nachricht mehr an, die Profile in den sozialen Netzwerken sind plötzlich gesperrt oder einfach tot, und die Person, mit der man noch letzte Woche geredet hat, existiert im eigenen Leben schlicht nicht mehr.
Der Duden hat dafür keine eigene Definition – das Wort ist zu neu, zu digital, zu jung. Das echte Leben aber kennt das schon sehr lange. Nur früher hieß es anders: Man ist einfach weggeblieben. Hat sich nicht mehr gemeldet. Hat die Straßenseite gewechselt.
Was hat das mit Narzissmus zu tun?
Narzissmus ist ein Begriff, der gerade inflationär durch die sozialen Netzwerke geistert. Jeder schwierige Mensch ist plötzlich ein Narzisst, jedes unangenehme Verhalten wird pathologisiert. Das ist verständlich – es erleichtert den Schmerz, wenn man dem Ganzen einen Namen geben kann. Aber es macht die Sache nicht immer richtiger.
Klinisch betrachtet ist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung etwas sehr Ernstes: mangelnde Empathie, tiefes Bedürfnis nach Bewunderung, Unfähigkeit, die Realität des anderen wirklich wahrzunehmen. Menschen mit dieser Störung ghosten tatsächlich häufig – weil ein ehrlicher Abschluss für sie bedeuten würde, sich dem anderen zu stellen. Das können oder wollen sie nicht. Also verschwinden sie.
Aber Ghosting kommt nicht nur aus Narzissmus.
Es gibt Menschen, die ghosten aus purer Feigheit. Aus Konfliktvermeidung, die sie schon als Kind gelernt haben. Aus Angst vor einer Reaktion, die sie nicht aushalten wollen. Das ist keine Persönlichkeitsstörung – das ist mangelnder Mut. Unbequem, verletzend, aber menschlich.
Es gibt Menschen, die ghosten, weil sie sich überfordert fühlen. Weil sie nicht wissen, was sie sagen sollen. Weil sie selbst gerade in einem emotionalen Chaos stecken und der einfachste Weg der Rückzug ist.
Und ja – es gibt Menschen, die ghosten als Machtmittel.
Bewusst. Kalkuliert. Das ist der Punkt, wo Ghosting tatsächlich in die Nähe narzisstischer Muster rückt: das bewusste Einsetzen von Stille als Kontrolle. Der andere soll warten, grübeln, sich fragen, was er falsch gemacht hat. Das ist keine Kommunikationsschwäche mehr – das ist Manipulation.
Was bleibt für denjenigen, der geghostet wurde?
Meistens die Frage: Was habe ich getan? Und das ist der eigentliche Schaden. Nicht das Verschwinden selbst – sondern das Vakuum, das es hinterlässt. Weil der Mensch, der verlassen wurde, in diesem Vakuum anfängt, sich selbst zu befragen, sich selbst zu bezichtigen, sich selbst kleiner zu machen.
Das ist das eigentliche Thema. Nicht die Diagnose des anderen.
Ob jemand ein Narzisst ist oder einfach nur feige – für Dich ändert das am Ende nichts. Der Schmerz ist derselbe. Die Leere ist dieselbe. Und die Arbeit, die danach wartet, ist auch dieselbe: wieder zu Dir selbst zurückzufinden, ohne die Antwort zu bekommen, die Du eigentlich verdient hättest.
Ich sehe Dich und Deinen Schmerz…..
♥In liebevoller Verbundenheit – Deine Anja Schönborn♥
